hier mal ein Bericht von einem Ereignis, das ich mit meinem alten treuen Gefährten durchlebt habe.
Einsatz
Am 3.Mai 2010 gegen 21.10 Uhr, wollte mich gerade Bettfertig machen, rappelt das Telefon.
Denke noch, lass bimmeln, bin müde und habe keine Lust auf Gespräche. An diesem Abend wollte ich mal richtig früh zu Bett gehen. Die Neugier hat aber dann doch gesiegt, ich habe abgenommen und von jetzt auf Gleich war der Abend gelaufen.
Am anderen Ende meldet sich die Einsatzleitung der Polizei. Im Bruchteil von Sekunden gehen mir allerlei Gedanken durch den Kopf. Familie, alle daheim? Hast Du was angestellt? Usw.
Der nette Herr Hauptkommissar am anderen Ende fragt mich ob ich der mit dem Mantrailer sei und das ich bestimmt in der Zeitung gelesen hätte, daß man einen jungen Mann in unserer Region seit 30. April vermissen würde.
Irgendwie bekam ich erstmal weiche Knie weil ich ahnte was jetzt kommen würde. Normalerweise werden Hobbytrailer nicht zu Einsätzen gerufen. Ich sagte dem Herrn ausdrücklich, daß ich in keiner Hi.Org. Mitglied sei und das ich das Mantrailing nur Hobbymäßig betreibe und somit keinerlei Einsatzberechtigung hätte.
Er bat mich hörbar nachdrücklich, trotzdem einen Versuch zu wagen da er wisse, daß ich einen guten Sucher hätte und man nichts unversucht lassen wolle. Das Auto des Vermissten war gegen 19.30 Uhr an einem Badesee und Freizeitcenter entdeckt worden. Die ersten Suchmaßnahmen waren deshalb gerade im Anrollen.
Also rein in die Hundeklamotten.
Danilo hatte sich schon zur Ruhe gelegt, bemerkte aber sofort mein Treiben und war sofort hellwach. Er wich mir ab da nicht mehr von der Seite, als wenn er es ahnen würde, was jetzt folgt. Als ich ihn aufforderte, mit zu kommen sprang er auch gleich in seine Box.
Automatisch gingen mir die vorbereitenden Maßnahmen durch den Kopf wie ich sie zu Staffelzeiten gelernt hatte. Das meiste Equipment habe ich zum trainieren immer im Auto neben der Hundebox. Der Einsatzrucksack mit Stirnleuchten, Funkgeräten stand unter dem Schreibtisch da ich diesen für eine Urlaubsfahrt ausgeladen hatte. Im letzten Moment vor der Abfahrt brachte ihn mir meine Frau noch hinterher ans Auto.
Siedend heiß fiel mir ein, daß ich ja auf Reserve fuhr und die Treibstoffanzeige bereits heftig blinkte. Ich hatte mir vorgenommen am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit gleich zu tanken.
Gott sei Dank hatte ich noch den Reserve Kanister, den ich gleich in den Tank kippte.
Das reichte um zum Einsatzort und zurück zu kommen.
Auf der Fahrt durch die Dunkelheit gehen einem dann so manche Gedanken durch den Kopf.
„ Wie ist die Lage, was findet man vor, in welcher Verfassung sind die Angehörigen, die man befragen muss, usw. usw.“?
Als wir nach zwanzig Minuten am Ort des Geschehen ankamen wurden wir schon erwartet und gleich zur Einsatzleitung durch gewunken.
Eine gespenstige Szenerie bot sich mir. Überall standen Rettungsfahrzeuge, Stromagregate liefen, an jeder Ecke knarrten die Funkgeräte der Einsatzkräfte. Nicht weit entfernt war der See in ein schummriges Licht gehüllt. Im Dunst über dem Wasser dümpelten die Boote der DLRG mit den Tauchern, die bereits im See suchten. Die Rettungshundestaffel war ebenfalls schon vor Ort und die Flächenhunde rumorten nervös in ihren Boxen. Zwei bekannte Polizeihundführer mit ihren Tieren waren ebenfalls schon vor Ort. Stumme Blicke und flüchtige Grüße wurden ausgetauscht als ich mich auf den Weg zur Einsatzleitung begab.
Den Dicken lies ich zunächst im Auto um ihm noch ein wenig Ruhe zu gönnen und ging allein zur Einsatztleitung um mich dort zu melden. Anschließend suchte ich die versammelten Angehörigen auf, die in der Nähe des gefundenen Fahrzeuges standen. Diese machten einen sehr gefassten Eindruck auf mich und der Vater gab mir bereitwillig Auskunft auf meine detaillierten Fragen zur vermissten Person.
Im Anschluss machte ich mich daran, geeignete Geruchsträger der Person zu finden und zu gewinnen. Den Fahrerraum habe ich nicht inspiziert, weil dort mit Sicherheit schon einige, im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Finger im Spiel hatten und somit auch jede Menge Kontamination vorhanden war. Dort hätte ich als letztes gesucht wenn ich keinen geeigneten Geruchsträger an anderer Stelle gefunden hätte.
Also öffnete ich den Kofferraum und dort fand ich alles, was ich benötigte, im Überfluss. Ich fand eine Fleecejacke und den kompletten Sportrucksack des Mannes. Mit getragenen Socken und anderer Wäsche. Nachdem mir der Vater bestätigt hatte, daß das die Sachen des Sohnes seien, entschied ich mich für die getragenen Socken und verfrachtete diese in die von mir mitgeführte Plastiktüte. Die Jacke legte ich mit der Innenseite nach außen über die Stoßstange um Danilo schon während des Anschirrens ein möglichst gutes Geruchsmuster zu geben.
Nach diesen Vorbereitungen begab ich mich zum Auto um den Hund zu holen. Ich griff zum Suchgeschirr und der Schleppleine und schon war der Dicke im Arbeitsmodus. Er konnte es nicht erwarten aus seiner Box zu kommen. An der langen Leine führte ich ihn in einem großen Kreis an den Fahrzeugen und den umstehenden Personen vorbei um ihm die Gelegenheit zu geben, möglichst viel Umgebungsgerüche aufzunehmen damit er diese beim Ansatz gleich ausschließen und sich nur auf den Geruch der vermissten Person konzentrieren konnte.
Am Fahrzeug angekommen ging der Rüssel schon automatisch in die ausgelegte Jacke. Ich schirrte den Dicken in aller Ruhe über der zusätzlich auf dem Boden abgelegten Tüte mit den Socken an. Während dessen, drehte er sich schon in die vermutete Abgangsrichtung.
Nach anriechen aus der Tüte startete ich ihn mit dem Suchkommando.
Sehr gelassen, bedächtig und ohne jegliche Hast, bahnte sich Danilo den Weg durch die vielen Anwesenden, ohne diese zu beachten, über den großen Schotterparkplatz in Richtung See. An der ersten Wegegabel schloss er den Weg nach rechts eindeutig aus und ging den Pfad, der um den See herum führt. Am Anleger der Taucher, setzte er unbeirrt seinen Weg geradeaus fort. Die Toilettenhäuschen und die weiter hinten stehende Grillhütte nahm er genauer unter die Lupe und nach dem wir selbst, wir wurden von einem Polizisten und zwei ortskundigen Feuerwehrleuten mit Funk begleitet, noch eine Inspektion durchgeführt hatten ging es weiter immer entlang des Ufers.
Am gegenüberliegenden Ufer stand noch eine große Leuchtgiraffe der Feuerwehr, die uns bis dahin noch einigermaßen Licht gegeben hatte. Als wir diese passierten bog Nilo vom Seeufer ab und zog auf den Pfad, der in den Wald hinein führt. Jetzt waren wir nur noch auf unsere Stirnlampe und die Taschenlampen unserer drei Begleiter angewiesen.Der Pfad führte an einigen Stellen recht steil hinauf und es wurde für Alle langsam anstrengend. Leichter Schweiß zog in meinem Nacken auf. Kurz vor erreichen der Hügelkuppe zeigte mir Danilo an einer Abzweigung ein eindeutiges Negativ, drehte um und setzte den Weg ein kurzes Stück quer durch den Wald fort, bis wir auf einen weiteren Pfad trafen. Dort ging es zunächst um ein großes Plateau im Uhrzeigersinn weiter. Auf halber Strecke kreiste er dann kurz in das Plateau hinein, drehte wieder ein und ging dann wieder ein Stück quer durch den Wald auf einen anderen Pfad der ziemlich steil bergan ging ein. Die Erschöpfung sah ich meinem Hund nach fast einer Stunde Suche jetzt deutlich an. Meine Helfer und ich waren eben falls nass geschwitzt, was ich im Licht meiner Stirnlampe deutlich sehen konnte. Vor erreichen der nächsten Kuppe habe ich ihn dann aus der Suche herausgenommen und wir haben immer noch suchender Weise den Rückweg angetreten um uns am oberen Ende einer Sommerrodelbahn mit den folgenden Einsatzkräften zu treffen und den weiteren Verlauf abzusprechen. Nassgeschwitzt und fertig sind wir dort angekommen. Nilo hat sogar Mineralwasser getrunken, was er sonst eigentlich nie macht. Habe ihn dann abgelegt und ihm eine schöne Pause gegönnt. Nach und nach näherten sich dann auch eine Suchkette der Feuerwehr, was man an den Lichtern, die durch den Wald geisterten deutlich sehen konnte. Von unten kamen die ersten Suchteams der Rettungshundestaffel bei uns an, die dann nach kurzer Besprechung ihre Arbeit mit den Flächensuchern begannen.
Wir haben dann den Rückweg angetreten, der sich im Verlauf aber nicht so einfach darstellte wie wir uns das vorgestellt hatte.
Dem Verlauf der Rodelbahn folgend in stockfinstere Nacht wäre ja zu einfach gewesen. Hier hat sich gezeigt wie sinnvoll eine gute Geräteausbildung und das Training auf unangenehmen Untergründen ist.
Nach ein paar hundert Metern bergab überspannt die Rodelbahn eine tiefere und breite Schlucht. Zu Fuß und im dunkeln war es mir zu viel Risiko ohne Sicherung dort hinunter zu gehen. Wussten wir ja nicht was uns erwartet. So nahmen wir den Weg über die Rodelbahn an dessen Rand ein schmaler Hühnersteg entlang führte. Nach rechts war dieser nur durch ein Netzt gegen Absturz gesichert. Da der Brettersteg durch die Feuchtigkeit sehr rutschig war musste ich mich mit den Hacken in die Querlatten einhaken um nicht zu stürzen. Nilo ging bis dahin mutig an der Leine voran. Immer wenn meine drei Helfer hinter mir in den Gleichschritt gerieten, geriet die ganze Konstruktion so in Schwingung, daß mir Angst und Bange für mich und den Hund wurde. Als dann auf der Hälfe das Netz so nahe nach innen kam und uns fast nach links in die Schienen zu drücken drohte war es selbst dem Hund zuviel. Ich hatte das Gefühl als wenn er gleich nach links weg in die Tiefe springen wollte. Wir hielten an und machten einen Plan. Tragen des Hundes war in dieser Situation fast unmöglich. Ich nahm ihn deshalb quer zwischen mich und das Netz mit dem Händen hielt ich mich im Netz fest und so ging ich seitlich fast in Rückenlage mit dem Hund vor mir die letzten Meter, die mir in der Situation unendlich lang vor kamen von der Bahn. Es folgte wenige Meter weiter gleich die nächste Schlucht, diese war aber gut ausleuchtbar und von unten wurde sie von einem Einsatzfahrzeug einigermaßen gut ausgeleuchtet so daß wir hier dann mehr gerutscht als abgestiegen unten heil ankamen.
Als wir uns zurück gemeldet hatten, hob ich den Dicken dankbar in seine Box gab ihm sein wohl verdientes Wasser und lies ihn ruhen. Bei dieser Suche habe ich die Erkenntnis gewonnen, daß die Person nicht ins Wasser gegangen ist. Nilo hat nicht ein einziges mal überhaupt andeutungsweise in die Richtung gezeigt. Er ist immer kontinuierlich in eine Richtung vom See weg gelaufen. Trotz mehrerer Versuche ihn auszubremsen hat er sich nicht aus dem Konzept bringen lassen sondern ist der Richtung treu geblieben.
Ich bin sehr stolz auf die Leistung des alten Mannes. Er hat trotz seiner fast elf Jahre immer noch den starken Kampfgeist und Findewillen gezeigt wie in seiner Jugend.
Leider konnte die Person trotz Einsatz von Sonarboot und Leichenspürhunden, die am dritten Tag noch zum Einsatz kamen nicht gefunden worden.
Der See und die Umgebung sind frei. Evtl. hat er sich genau auf dem Weg entfernt, deren Spur Danilo gefolgt ist. Wir werden es wohl so schnell nicht erfahren.



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Man kann auch ohne Hund leben , nur lohnt es sich nicht
LG Heike
und mitreißend geschrieben.