-
Erfahrener Benutzer
Der Große Hunde Coach
Moin Moin
Noch etwas Lesestoff für die Forengemeinde.
Der große Coach
Wir waren an unserem Ziel, einer Hundeschule im nördlichen Ruhrgebiet, fast schon in Westfalen, angelangt. Dank der ausgezeichneten Wegbeschreibung sogar zehn Minuten vor der verabredeten Zeit. Als wir aus dem Auto kletterten, nahm uns gleich ein sehr großer Mann freundlich lächelnd in Empfang. Und der hat eine genauere Beschreibung verdient.
Ich hatte noch nie bei einem Mann solcher Größe derart schmale Schultern gesehen. Dennoch war er insgesamt nicht schlank zu nennen, denn zur Leibesmitte verdickte sich sein Körper enorm. Der stramm gezogene Gürtel, der die beige Cargohose hielt, sollte den Eindruck einer Taille vortäuschen, was aber nicht gelang, da ein gewaltiger wabbeliger Rettungsring über den größten Teil des Riemens quoll. Die Beine waren extrem lang und dünn.
Auf seinem schmalen, schlanken Schädel war ein graues Toupet platziert, das mich ganz entsetzlich an den Teppichboden in meinem Arbeitszimmer erinnerte. Der etwas wilde Vollbart wirkte wie eine ungeschnittene Brombeerhecke, verdeckte aber nur unzulänglich eine Vielzahl von Kinnen. Insgesamt wirkte der Mann, als wenn er es mit großem Erfolg geschafft hätte, sich ein Leben lang jeder körperlichen Anstrengung zu entziehen.
Wir stellten uns vor, und der befremdlich aussehende Hundecoach bat uns mit unseren Hunden zu einer großen Wiese. Hier stand ein Stuhl, der aussah wie die hochstandähnlichen Sitze, welche die Schiedsrichter auf Tennisplätzen benutzen. Der Coach erklomm seinen Aussichtsposten, schickte uns mit unseren Vierbeinern auf die Wiese und beobachtete das Geschehen aus luftiger Höhe.
Wir absolvierten einer nach dem anderen ein wenig Unterordnung, hin und wieder unterbrochen von freundlichen durch ein Megafon gesprochenen Ratschlägen, die eher als Vorschläge denn als Anweisungen formuliert waren. Das gefiel mir ganz ausgezeichnet. Von seiner erhöhten Warte sah der Knabe auch die kleinste Unkorrektheit, die er aber nicht anprangerte, sondern nur diagnostizierte. Die Kommentare waren durchdacht und hilfreich, und ich war seit langer Zeit zum ersten Mal wieder richtig begeistert von einem Hundetrainer. Nach einer dreiviertel Stunde hatten wir eine Menge Stoff zum Nachdenken und zur Verbesserung unseres Trainings erhalten.
Als der Ausbilder von seinem Olymp geklettert war und wir ihn bezahlt hatten, fragte er, ob wir auf ein kleines Schnäpschen mit in sein Blockhaus kommen würden. Ich bin kein Freund von Schnäpschen am Nachmittag, aber da ich ein furchtbar schlechtes Gewissen hatte, weil ich den guten Mann ob seines Aussehens vorschnell als Brausepaul abgetan hatte, stimmte ich fröhlich zu. Uwe schien das Gewissen ähnlich zu quälen, und so saßen wir im Nu in der kleinen Holzhütte an einem groben, scheinbar selbst gezimmerten Tisch. Unser Gastgeber setzte uns ein großes Glas mit dem Aufdruck einer bekanten Limonade vor, was er zur Hälfte mit einer grünen Flüssigkeit aus einer Flasche ohne Etikett füllte. Dann verschwand er in einem Nebenraum mit den Worten: ?Nehmt schon mal ein Schlückchen, ich bin gleich wieder bei euch.?
Uwe machte ein skeptisches Gesicht: ?Hast Du gesehen, wie zähflüssig das Zeug ist? Was um alles in der Welt kann das für ein Zeug sein? Sieht mir verdächtig nach Godzillasperma aus.? Bevor ich antworten konnte war der Herr des Hauses, na ja, der Herr der Hütte wieder da. Er brachte vier weitere etikettlose Flaschen mit.
?Mensch, Ihr habt ja noch gar nichts getrunken. Das ist aber lieb von Euch, dass ihr auf mich gewartet habt. Jetzt aber. Auf euer Wohl.?
Nun gab es kein Entkommen mehr, und wir kippten todesmutig die grüne Pampe herunter. Es schmeckte nach Holunder, versetzt mit etwas Rindenmulch und altem Bratfett, aber nicht ganz so schlimm wie ich erwartet hatte.
?Na, was sagt ihr? Habe ich selbst gebrannt. So ein gutes Tröpfchen bekommt ihr in keinem Geschäft.?
?Nein, das ist sicher wahr.?
Ich musste an die Farbe, den Geschmack und die Konsistenz denken und wusste auch, warum man den Kleister nirgends kaufen konnte.
?Und jetzt probiert ihr mein ?Holger Spezial?. Nur für Erwachsene. Ich heiße nämlich Holger.?
Wir nannten ebenfalls unsere Vornamen. Dann schenkte Holger uns aus einer umfunktionierten Lambruscoflasche eine dunkelbraune Flüssigkeit ein.
?Zum Wohle.?
Ich zuckte mit den Schultern und nahm todesmutig einen großen Schluck. Das war ein Fehler. Die Tinktur schien aus einem Pinselreiniger auf Meerrettich Basis zu bestehen, angereichert mit reinem Alkohol. Jeder Menge Alkohol. Ich bekam schlecht Luft. Das Zeug lief wie ein Feuerball meine Speiseröhre hinab. Nachdem ich minutenlang um Sauerstoff gekämft hatte, merkte ich, dass der Feuerball an die frische Luft wollte.
Leider nicht auf dem vorgeschrieben Weg. Noch nicht einmal durch den Notausgang, vermittels eines Kötzerchens. Nein, die glühende Kugel schien sich durch meinen Bauchnabel arbeiten zu wollen. Ich fühlte mich auf grausame Weise an den Film ?Alien? erinnert.
Die ganze Zeit, in der ich mit dem Teufelszeug raufte, sah Uwe mich milde lächelnd an. ?Du Weichmann? sprach ihm förmlich aus den Augen.
?Na, und was ist mit Dir? Traust Du Dich nicht? Los, runter damit!? Holger hatte auch mit Uwe kein Erbarmen. Was ich natürlich völlig richtig fand. Uwe atmetet tief durch, lächelte, setzte das Glas an und trank es in einem Zug aus. Ich war enttäuscht. Nichts. Keine Reaktion. Das durfte nicht wahr sein. Machte dieser Drachenspeichel ihm gar nicht zu schaffen?
Doch, jetzt bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Die Augen traten hervor und die Adern auf der Stirn schwollen an. Er seufzte einmal kläglich, dann spannten sich die Sehnen am Hals. Er öffnete und schloss den Mund wie ein an Land geworfener Fisch, seine Arme wedelten in spastischen Zuckungen. Das ganze Glas zu leeren war wohl doch leicht überheblich gehandelt. Nach meiner eigenen durchstandenen Pein genoss ich das Schauspiel in vollen Zügen.
?Raus hier, ich brauche Luft?, quetschte er durch seine verzerrten Lippen. Uwe sprang auf und rannte zur Tür raus. Ich entschuldigte uns höflich und eilte hinterher. Nachdem wir eine halbe Stunde spazieren gegangen waren, hatten wir uns soweit erholt, dass wir die Heimfahrt antreten konnten.
Im Auto meinte Uwe: ?Mein Gott, wie Du aussahst, nachdem Du das Zeug gekippt hast. Ich habe mich echt gefragt, wo ich auf die Schnelle eine Silberkugel herbekomme, falls Du grunzender Werwolf dich noch weiter verändern solltest.?
Der Hirni wusste ja nicht dass ich die ganze Zeit mein Kruzifix umklammert hielt, um es ihm bei einer weiteren Metamorphpose ins Herz zu rammen.
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
Foren-Regeln