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In der Box lebt das Pferd nicht artgerecht
Es gibt in der Schweiz immer mehr Pferde. Doch das Wissen über sie hat nicht entsprechend zugenommen. Bei der Haltung liegt noch vieles im Argen.
Von Felix Maise
Der deutsche Tierarzt Maximilian Pick macht sich unter Sportreitern keine Freunde. In einem flammenden Plädoyer kritisierte Pick letzte Woche an einer Tagung des Schweizer Tierschutzes in Olten die Auswüchse in allen Pferdesportarten: im Rennsport das Verheizen von erst zweijährigen Pferden auf der Rennbahn, im Trabrennsport die unnatürliche Knebelung der Pferde in ihren Geschirren, um sie vom Galoppieren abzuhalten. Auch die extremen Übungen im Westernreiten, etwa die so genannten «Sliding Stops», seien alles andere als tiergerecht. Hart ins Gericht ging Pick auch mit Spring- und Dressurreitern, die mit dem so genannten Barren und mit der «Rollkur» für Dressurpferde auch öffentlich in die Kritik gerieten.
Dass selbst umjubelte Spitzenreiterinnen und -reiter zumindest im Parcours sehr unzimperlich mit ihren vierbeinigen Sportgeräten umgehen, gehört für Pick ins Bild der von Ehrgeiz und Geld gelenkten Sportreiterei. Auf der Strecke bleibe dabei das, was man einst «Horsemanship» genannt habe: der anständige und gekonnte Umgang mit Pferden auf Grund eines umfassenden Wissens und unter Beachtung ethischer Grundsätze. «Heute springen moderne Gurus, die so genannten Pferdeflüsterer, dort ein, wo es an Horsemanship fehlt», so Pick.
Über 15 Stunden gemächlich grasen
Nicht nur im Sport, auch bei der Haltung von Pferden ist vieles tierschutzwidrig, bemängelten die Fachleute an der Tagung zur Pferdehaltung. Pferde sind zwar seit über 5000 Jahren domestiziert und haben sich an das Leben mit dem Menschen und im Stall gewöhnt. Ihre artspezifischen Bedürfnisse sind aber in der langen Zeit ihrer Evolution bis heute weit gehend unverändert geblieben. Der ursprüngliche Lebensraum in den weiten Steppen und Savannen der Vorzeit prägt ihr Verhalten. Sie lieben das Leben in Gruppen, bewegen sich meist im Schritt über 15 Stunden pro Tag mit der Nase am Boden grasend fort und suchen bei Gefahr ihr Heil in der Flucht.
Pferdehalter nahmen auf die daraus erwachsenden Bedürfnisse lange wenig Rücksicht. Als Arbeitspferde in der Landwirtschaft wurden die relativ ruhigen, eher schweren Tiere vor allem zum Ziehen genutzt. Abends waren sie so müde, dass sie sich auch angebunden in einem engen Stand niederlegten.
Heute ist diese Haltungsform in der Schweiz zum Glück am Aussterben, wie Iris Bachmann, Pferdefachfrau am eidgenössischen Gestüt in Avenches, feststellte. Denn radikal verändert hat sich inzwischen auch die Schweizer Pferdepopulation: Von den rund 85'000 Equiden (dazu gehören auch Ponys, Esel, Maultiere und Maulesel) sind heute nur noch 2000 Arbeitspferde, der grosse Rest sind Freizeit-, Sport- und Unterrichtspferde. Im Durchschnitt sind die Pferde leichter und sportlicher geworden, sie stehen «höher im Blut», wie die Fachleute sagen. Das macht die Tiere gleichzeitig nervöser, sensibler und damit anspruchsvoller in der Haltung.
Die meisten Pferde stehen heute in Einzelboxen. Gegenüber der Anbindehaltung in einem Stand ist das zwar ein Fortschritt. Artgerecht ist die Isolationshaft in Gitterboxen jedoch keineswegs, wie die Pferde-Fachfrau Margit Zeitler-Feicht von der Technischen Universität München erklärte. Denn Pferde sind soziale Wesen, die den direkten Kontakt mit Artgenossen über alles lieben. Ihren natürlichen Bedürfnissen kommt die Auslaufhaltung in Gruppen daher am besten entgegen.
Königsdisziplin Gruppenhaltung
Die Gruppen-Auslaufhaltung ist die «Königsdisziplin» der Pferdehaltungssysteme. Sie setzt grosses Wissen voraus, denn Pferde lassen sich nicht einfach so in einem Laufstall und auf einer Weide zusammensperren. Wie man Pferdegruppen zusammenstellt und wie ein gruppentauglicher Pferdestall aussieht, erklärte Andreas Kurtz, einer der Pioniere dieser Haltungsform in der Schweiz.
Viele Reitpferde stehen aber in Pensionsställen in den städtischen Agglomerationen, wo es fast immer an Weiden fehlt. Für einen rationellen Reitschulbetrieb ist die nicht artgerechte Boxenhaltung einfacher. Doch auch hier verändern sich die Verhältnisse in den letzten Jahren zum Besseren: Auch immer mehr Reitpferde erhalten wenigstens in einem Paddock vor ihrer Boxe ein bisschen Auslauf und Körperkontakt mit ihren Artgenossen.
Hans Wyss, Direktor des Bundesamts für Veterinärwesen und selbst Reiter, räumte ein, dass die neuen Vorschriften im Tierschutzgesetz den Anforderungen an eine artgerechte Pferdehaltung nicht vollständig nachkämen, betonte aber die Fortschritte, die in den letzten Jahren auch ohne Vorschriften erzielt worden seien. Immerhin wird die vor allem bei den braven Freibergern immer noch verbreitete Anbindehaltung im Stand ab September 2013 endlich ganz verboten.
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